VOCAL & Feldenkrais
Feldenkrais für SängerInnen
'Jetzt könnte ich Singen!' Feldenkraispraktizierende - auch ohne Gesangshintergrund! - berichten häufig von einer Verbesserung Ihrer Stimme nach der Feldenkraisarbeit. Die veränderte Qualität drückt sich u. a. in der Leichtigkeit beim Stimmeinsatz, einer verbesserter Ressonanz und einem erleichterten Tonhöhenzugang aus.
Die Feldenkrais-Methode wirkt verbessernd und integrierend auf die Stimme. Gewisserweise bereitet sie den Körper als Instrument fürs Singen/Sprechen vor, indem sie mit der inneren Ordnung des Körpers arbeitet. Daher bietet sich die Methode an, um sie ganz gezielt im Rahmen eines Stimmtrainings oder Stimmcoachings einzusetzen. Im Folgenden erörtere ich einige Aspekte der Feldenkraisarbeit, die zur Verbesserung der Stimme beitragen können.
- Aufrichtung statt Haltung
- Korrelation von Tonhöhe und Skelett
- Hilfsspannungen auflösen
- Gleichgewicht und Hören
- Atmung
- Tonschwingung und Skelett
- Verwendete Literatur
Aufrichtung statt Haltung
Die im Feldenkrais gesuchte mühelose Aufrichtung des Menschen steht im Gegensatz zur willentlichen Haltungsmanipulation. Die Aufrichtung fördert die in der Gesangspädagogik erwünschte vertikale Schlauchempfindung von Kopf zum Becken. Hinsichtlich der natürlichen Leistungsstärke einer Stimme schreibt Peter Jakoby u. a., '…dass eine hohe Stimmspannung nur möglich ist, wenn die Verbindung über Hals, Brustkorb und Lendenwirbel zum Becken vorhanden ist. So ist die gesamte Haltung mit der Spannung der Stimme verbunden' (Jakoby, S. 175 f.).
Die flexible Aufrichtung der Wirbelsäule, derart wie Becken, Brustkorb, Hals und Kopf über den Füßen ausgerichtet sind, hat einen großen Einfluß auf die Stellung und den Bewegungsspielraum des Kehlkopfs. Das Wichtigst hierbei: es bedarf keiner künstlichen Anstrengung, etwa durch ein permanentes Anheben des Brustkorbs, um eine optimale Einhängung des Kehlkopfes zu garantieren.
Die Stimme wirkt auf die Aufrichtung und vice versa: Das Zusammenspiel von 'Beugern' und 'Streckern' im gesamten Körper bestimmt nicht nur die Qualität der Aufrichtung des menschlichen Skeletts in der Schwerkraft. Auch die für die Klangproduktion entscheidenden Muskeln im Kehlkopf lassen sich in die Kategorien 'Beuger' und 'Strecker' einordnen. Folglich kann durch die funktionale Vernetztheit des Nervensystems eine verbesserte Koordination der für die Haltung zuständigen Beuger und Strecker sich ausweiten auf die stimmgebende Kehlkopfmuskulatur (s. a. Jakoby, S. 157, 2000). Interessant ist in diesem Zusammenhang die ähnliche Arbeitsweise der Feldenkrais-Methode mit der Funktionalen Stimmentwicklung von Cornelius Reid.
Korrelation von Tonhöhe und Skelett
Tonhöhen sind sensitiv mit Bereichen unseres Skelettsystems verbunden (ders., S. 175). Z.B erleichtert eine bewusstere Brustwirbelsäule zusammen mit einer gut organisierten Halswirbelsäule und einem balancierten Kopf die Fähigkeit zum Singen in höherer Lage. Höhere Töne können mit mehr Leichtigkeit und Brillianz gesungen werden.
Hilfsspannungen auflösen
Hilfsspannungen, die beim Stimmgebrauch häufig als natürliche Schutzreaktion des Organismus aktiviert werden, wie z. B. die untere Rachenringmuskulatur und der CT (Feuerstein, S. 37 f.), können durch die systemimmanente Vorgehensweise der Feldenkrais-Methode in ihrer Intensität reduziert bzw. durch ein neues Funktionsmuster sogar vermieden werden. Dies gilt auch für die Funktions-Einheit von Kiefer - Mund - Zunge, die, nicht aufeinander abgestimmt, die Stimmbildung stören kann.
Gleichgewicht und Hören
Gleichgewicht und Hören sind im gleichen Sinnesorgan verortet. Demnach beeinflussen sich die beiden Funktionen wechselseitig, d.h. die in der Feldenkrais-Methode ständig gegenwärtige Arbeit mit dem Gleichgewicht verbessert die Fähigkeit des 'Horchens' auf den Klang der eigenen Stimme.
Maria Callas hat seinerzeit auf die Frage, was den das Wichtigste beim Singen sei, geantwortet: 'Die Füße!'
Tatsächlich bestimmt die Art und Weise, wie und wo wir stehen unsere Bewegungsmöglichkeiten und Selbstwahrnehmungsmöglichkeiten. Wenn ich steif und einseitig stehe, habe ich keine Freiheiten mehr mich anderswo leicht oder gar sinnlich angenehm zu erfahren. Der Stimme wird die sinnliche Basis vorenthalten. In der Feldenkrais-Methode arbeiten wir immer mit dem ganzen Muster der Aufrichtung, u. a. um den Bodenkontakt zu klären.
Atmung
Die Atmung wird in der Feldenkrais-Methode als komplexer Prozess des vegetativen Nervensystems betrachtet. Die Atmung wird von dort reflexhaft und situationsgerecht gesteuert. Eine Verbesserung der Atmung geschieht, indem gewohnheitsmäßiges Festhalten bewusst wird und dadurch losgelassen werden kann. Bei guter Koordination des Haltungs- und Bewegungsapparates passt sich die Atmung bereitwillig an und findet wieder zu ihrer natürlichen Leistungsfähigkeit. Die Atmung kann dann auf alle Anforderungen spontan, d.h. mit Effizienz reagieren. Insbesondere für die Atemdosierung im Singen und Sprechen ist dies von großer Bedeutung.
Tonschwingung und Skelett
Die Durchlässigkeit von Kopf zum Becken zu den Füßen ist gewährt, wenn die Diaphragmenkette (u. a. Beckenboden und Zwerchfell) sich im Zustand der Eutonie (Wohlspannung) befinden. Entspannung und Anspannungsbewegungen können frei geschehen. Die Kraftleitung durchs Skelett wird nicht behindert. Die Klärung der Kraftleitung durchs Skelett ist ein wesentliches Element der Feldenkraisarbeit. Wenn unser Skelett optimal gegen die Schwerkraft ausgerichtet ist, d. h. die physikalischen Kräfte ohne viel Muskelwiderstand vertikal durchlaufen können, ist eine mühelose Aufrichtung möglich.
Die Klärung des Skeletts unterstützt gleichfalls die Schwingungsübertragung von Stimmklang. Das Skelett wirkt hier wie ein Resonanzboden (s. a. Reid, 2001, S. 49).
Der Freilauf der Schwingungsimpulse durch das Skelettsystem wird für den Singenden als Brust- und Kopf-Resonanz wahrnehmbar (ders.). Einhergehend mit dem daraus resultierenden musikalischen Empfinden, werden zuvor blockierte Gefühle in Bewegung gesetzt. Gefühle die derart frei 'fließen' können, stellen keine Bedrohung im Sinne eines Kontrollverlustes für den Stimmgebrauch mehr da. Im Gegenteil: Sie stehen zur Kultivierung für den künstlerischen Ausdruck bereit.
Verwendete Literatur
Cornelius L. Reid:
Funktionale Stimmentwicklung
Mainz 2001, Schott
Peter Jacoby:
Die eigene Stimme finden. Stimmbildung durch organisches Lernen.
Essen 2000, Die Blaue Eule
Uta Feuerstein:
Stimmig sein. Die Selbstregulation der Stimm in Gesang & Stimmtherapie
Mainz 2001, Schott
Samuel H. Nelson, Elisabeth Blades-Zeller:
Feldenkrais für Sänger
Kassel 2004, Bosse